18. Februar – 21. Mai 2006 im Max Liebermann Haus
Die Ausstellung zeigt den legendären Berliner Kunsthändler Paul Cassirer (1871–1926), den leidenschaftlichen Kämpfer für die Moderne, als ebenso engagierten und begeisterten Verleger, der das kulturelle Berlin im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts nachhaltig prägte.
Zusammen mit seinem Vetter Bruno Cassirer (1872–1941) gründete Paul Cassirer 1898 eine Kunstgalerie und einen Verlag im noblen Berliner Tiergartenviertel. Die Atmosphäre ihrer Geschäftsräume war vom Lebensgefühl der Jahrhundertwende erfüllt: Der belgische Jugendstil-Architekt Henry van de Velde entwarf einen Lesesalon, der in der Ausstellung andeutungsweise rekonstruiert wird. Selbst Rainer-Maria Rilke schwärmte davon. Die originale Lampe kann wie damals über dem Tisch mit den Neuerscheinungen hängen. Das Konzept, Galerie und Verlag zu kombinieren, war ein voller Erfolg, neu und werbewirksam!
Als Verlagssignet diente ein Motiv Max Liebermanns: Schreitender Bauer mit Kiepe.
Große Künstler
Die Ausstellung präsentiert Künstler und Autoren des Verlags wie Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Pechstein, Oskar Kokoschka, Max Slevogt, August Gaul oder Else Lasker-Schüler nicht nur mit ihren Büchern und der Druckgraphik, sondern auch mit Ölbildern, Plastiken und Zeichnungen. So wird die Schau zu einer Entdeckungsreise durch die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Großzügige Leihgaben aus dem In- und Ausland werden mit Schätzen der Berliner Museen und bisher nie gezeigten Stücken aus privaten Sammlungen kombiniert.
Das Max Liebermann Haus
Ein Fest der Künste, einen Einklang von Architektur, Musik, Dichtung, Malerei und Plastik forderte Paul Cassirer einst für Berlin. Dieses Fest findet nun symbolisch statt. Ein Glücksfall ist der Ort der Ausstellung, denn hier, im Wohnhaus von Max Liebermann, dem Secessions- und Akademiepräsidenten, ist Paul Cassirer ein- und ausgegangen. Hier, im Haus am Pariser Platz Nr. 7, neben dem Brandenburger Tor, haben sich die Künstler und Autoren getroffen.
Die Pan-Presse
Nach der Trennung von seinem Vetter Bruno gründete Paul Cassirer 1908 einen eigenen Verlag. Dessen neues Logo, der von Max Slevogt entworfene Schwarze Panther, sollte bereits auf die Pan-Presse, Cassirers Künstlerwerkstatt für sorgfältig gedruckte Originalgraphik, hinweisen. Hinter vielen Verlagswerken stand ein durchaus sozialer Gedanke: Wer sich kein großes Kunstwerk leisten konnte, sollte mit hervorragend gedruckter Graphik oder illustrierten Büchern gut bedient werden. Der erste Druck der Pan-Presse waren die mit über 300 Lithographien von Max Slevogt illustrierten Lederstrumpf-Erzählungen.
Große Werke
Lovis Corinths großes Ölgemälde Der geblendete Simson (1912) und Max Slevogts goldener Zauberflötenfries (1917) werden begleitet von Graphik und Büchern der Pan-Presse: dem Buch Judith und dem Hohen Lied von Corinth, sowie den Randzeichnungen zu Mozarts Zauberflöte von Slevogt. Dem „Oberwildling“ Oskar Kokoschka blieb Cassirer seit seiner ersten Ausstellung in der Galerie 1910 verbunden. Er verlegte sowohl seine Graphik als auch seine Vier Dramen und den Hiob, als expressive Lithographien. Oskar Kokoschka ist mit zwei bedeutenden Ölgemälden vertreten: Pariser Platz (1926), einem Auftragsbild Paul Cassirers, und dem Porträt des Musikpädagogen und zeitweiligen Verlagsleiters Leo Kestenberg von 1927.
Von Ernst Barlach werden das Holzbildwerk Vision (1912) und der einzige erhaltene große Holz-Druckstock ausgestellt. Zwei große Porträtbüsten Barlachs zeigen Leo Kestenberg und Tilla Durieux, die Schauspielerin und Ehefrau Paul Cassirers. Von Paul und Bruno Cassirer sind zeitgenössische Porträts zu sehen. Darstellungen Paul Cassirers von Leopold von Kalckreuth, Max Beckmann und Georg Kolbe erweitern den Blick auf seine Person.
Die verschiedenen Facetten Tilla Durieux’s spiegeln sich in den Werken von Lovis Corinth, Max Oppenheimer, Franz Stuck und Hermann Haller wider.
Große Wirkung
Nach Paul Cassirers Tod im Jahr 1926 wurde die Firma von seinen Partnern weitergeführt, bis der „jüdische“ Verlag 1933 zu einem erzwungenen Ende kam, während die Kunsthandlung in den Exilländern Holland, England und der Schweiz fortgesetzt werden konnte.
Ähnlich wie die Kunsthandlung zeigt die Produktion des Paul Cassirer Verlages den spannenden Moment der Geburt der Moderne, den Übergang vom Impressionismus zum Expressionismus - dies vor allem in Berlin, Deutschland, aber auch weit darüber hinaus.
Film zur Ausstellung: Ein Fest der Künste. Paul Cassirer: Kunsthändler und Verleger, Kämpfer für die Moderne. (30 min.) Ein Film von Jacqueline Kaess-Farquet u. Rahel E. Feilchenfeldt.
Begleitbuch zur Ausstellung: Ein Fest der Künste – Paul Cassirer, der Kunsthändler als Verleger. (Sammelband mit Essays namhafter Autoren, hrsg. von Rahel E. Feilchenfeldt und Thomas Raff), ca. 400 S. mit 150 Abb. München, C.H.Beck Verlag, in der Ausstellung Euro 29,90.



